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Erfolgreiche und informative Kremesberger Fachtagung

Am 10. Februar fand am Lehr- und Forschungsgut Kremesberg in Pottenstein, NÖ, die 5. Fachtagung „Tierarzt & Landwirt – gemeinsam für die Tiergesundheit“ statt, zu der die Veterinärmedizinische Universität Wien und RINDERZUCHT AUSTRIA gemeinsam eingeladen hatten.

Die hochkarätigen ReferentInnen im Rahmen der diesjährigen Kremesberger Fachtagung, v.l.: Dr. Johann Kofler, Ök.-Rat Anton Wagner, Dr. Bernd-Alois Tenhagen, Dr. Marc Drillich, DI Kathrin Lincke, Dr. Harald Pothmann, DI Karl Wurm, Dr. Michael Iwersen, Dr. Leopold Kirner, Mag. Franz Sturmlechner.                     Foto: ZAR

Themen der ganztägigen Veranstaltung waren Fütterung, Euter- und Klauengesundheit, Datenmanagement sowie das Ende der Milchquote. Unter den zahlreichen Teilnehmern fanden sich Tierärzte, Landwirte und Vertreter aus verschiedenen Bereichen der Landwirtschaft.

ZAR-Obmann Anton Wagner wies bei der Eröffnung auf die Bedeutung der österreichischen Rinderzucht innerhalb der Landwirtschaft, Wirtschaft und Gesellschaft hin. Rund 87% der abgelieferten Milch stammt aus österreichischen Zucht- und Kontrollbetrieben. Bei diesen Betrieben gibt es zwei Kategorien: Betriebe, die wachsen und Betriebe, die wachsen wollen, aber aufgrund der fehlenden Fläche dies nicht können. Hier ist laut Wagner die Forschung gefordert, für die verschiedenen Betriebsgrößen das passende Produktionssystem zu finden. In der professionellen Begleitung der Betriebe durch den Tierarzt im Sinne von „Vorbeugen ist besser als heilen“ gibt es erfolgreiche Beispiele aus der Praxis. Um sich auch verstärkt den auf vielen Betrieben manchmal vernachlässigtem Thema der Kälbergesundheit zu widmen, möchte die RINDERZUCHT AUSTRIA das Jahr 2016 zum „Jahr des Kalbes“ ausrufen.

 

Kälber brauchen mehr Milch

Dipl.-Ing. Karl Wurm, Landwirtschaftskammer Steiermark, zeigte die Probleme bei der Kälberfütterung sowie bei trockenstehenden Kühen auf. Demnach brauchen Kälber viel mehr Milch als diese auf den Betrieben erhalten. Die Lösung dafür ist, ausreichend Milch sofort nach der ersten Biestmilchgabe insgesamt 3 Wochen lang zur Verfügung zu stellen und danach langsam auf 6 Liter/Tag zu reduzieren. Um Verdauungsprobleme vorzubeugen, kann die Milch mit organischen Säuren wie Ameisensäure auf einen pH-Wert von etwa 5,5 versetzt werden. Die Milch wird keimfreier, die Tränketemperatur spielt dabei keine Rolle. Wasser, Kraftfutter und Heu sollten den Kälbern zusätzlich zur Verfügung stehen. Schätzungen zufolge beträgt die Ausfallsquote bei Kälbern etwa zehn Prozent. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht sollte hier angesetzt werden.

 

Trockensteher getrennt füttern

Um Trockensteher entsprechend zu füttern, muss man die Zusammensetzung des eigenen Grundfutters kennen. Dass auch Trockensteher hohe Ansprüche an die Fütterung haben, wird häufig unterschätzt. Lediglich bei Energie und Eiweiß gibt es Unterschiede, ansonsten sind die Ansprüche sehr hoch. Dazu eignet eher der 2. Aufwuchs, der nicht mehr ganz so energiereich ist. In der Praxis am besten umsetzbar durch Siloballen. Auch Trockensteher gehören satt gefüttert und sollten keine Hungergrube haben. Als Vorbeugung gegen Milchfieber eignet sich Silomais, da dieser wenig Kalzium und Kalium enthält. Bis etwa drei Wochen vor dem Abkalben sollte die Ration strukturreich und energiearm sein, dann kann die Energiedichte in der Ration deutlich erhöht werden. Damit dies in der Praxis umsetzbar ist, müssen laktierende und trockenstehende Kühe voneinander getrennt werden. Anhand einer umfangreichen Erhebung des Arbeitskreises Milch in der Steiermark ergab sich für die Erstbesamung ein ideales Lebendgewicht von 400 - 450 kg.

 

Test auf Trächtigkeit über die Milch

Dr. Marc Drillich, Leiter der Abteilung Bestandsbetreuung auf der Vetmeduni Wien, wies in seinem Vortrag auf den ökonomischen Vorteil hin, der sich aus dem frühzeitigen Erkennen nichttragender Tiere aus der Herde ergibt. Neben einer Ultraschalluntersuchung, die sich in der Praxis fest etabliert hat, gibt es die Bestimmung sogenannter PAGs (Pregnancy Associated Glycoproteins). Das sind Proteine, die in der Plazenta der Tiere gebildet und die sowohl in der Milch als auch im Blut nachgewiesen werden können. Mit zunehmender Trächtigkeitsdauer steigen diese Werte an. Somit kann ein positives Ergebnis ab dem 28. Trächtigkeitstag mit hoher Wahrscheinlichkeit getroffen werden. Vorsicht ist jedoch geboten bei frühen Besamungen nach der Kalbung, weil die Werte bis zu 60 Tage nach der Kalbung nachgewiesen werden können. Der Zeitpunkt der Probennahme während des Melkprozesses hat keinen bedeutenden Einfluss auf das Ergebnis. Ob höhere Werte bei einer Zwillingsträchtigkeit ausgegeben werden, konnte bis dato statistisch nicht abgesichert werden.

 

Einfache Überwachung des Energiestoffwechsels

Dr. Michael Iwersen, Abteilung Bestandsbetreuung, präsentierte eine Studie, in der sämtliche Schnelltestgeräte auf ihre Praxistauglichkeit geprüft werden. Alle getesteten Geräte bestätigten ihre Praxistauglichkeit. Zum frühzeitigen Erkennen subklinischer Ketosen, also ein von außen noch nicht erkennbarer Energiemangel, wurden in den vergangenen Jahren verschiedene elektronische Schnelltestgeräte zum Nachweis der β-Hydroxybuttersäure (BHB) gemacht. Die Blutentnahme durch den Landwirt ist rechtlich umstritten. Die minimalinvasive Gewinnung von Kapillarblut könnte dem Landwirt ermöglichen, lückenlos und vor allem frühzeitig seine Herde auf Ketose zu überwachen. Davon profitiert auch der Tierarzt, der durch diese frühzeitige Erkennung eine gezielte Therapieform mit einem besseren Behandlungserfolg bieten kann.

 

Bedeutung von LA-MRSA in Rinderbeständen

Dr. Bernd-Alois Tenhagen, Bundesinstitut für Risikobewertung in Deutschland, berichtete von den Livestock associated Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus in Rinderbeständen (LA-MRSA), die mittlerweile in fast allen in Europa relevanten Nutztierarten nachgewiesen wurden. In Deutschland wurden bei etwa 4,5% der untersuchten Tankmilchproben MRSA nachgewiesen. Mastrinder und Mastkälber haben damit weniger Probleme, Milchkühe erkranken bei Infektion an Euterentzündung. Diese sind schwer zu therapieren, da es aufgrund von Antibiotikaresistenzen keine verlässlichen Behandlungsoptionen gibt. Mehr als die Hälfte der Menschen sind Träger von S. aureus. Problematisch wird dieser Keim nur, wenn medizinische Eingriffe erforderlich sind.

 

Melkfehler finden und beheben

Die Liste war lang, als DI Kathrin Lincke, Beratung für Melktechnik und Eutergesundheit, jene Melkfehler aufzählte, die im Rahmen ihrer Melkberatung sehr häufig in der Praxis auftreten. Gerade bei der Melkarbeit ist es wichtig, mögliche Infektionsquellen auszuschalten, um eine Verschleppung der Keime von erkrankten auf gesunde Kühe zu vermeiden. Am wichtigsten sei natürlich, eine angenehme Melkatmosphäre für das Tier und natürlich auch für den Menschen zu schaffen. Finden beide angenehme Melkbedingungen vor, läuft auch der Melkvorgang stressfreier ab. Fliegen können dabei eine wichtige negative Rolle spielen. Das derzeit beste Material für Zitzengummis besteht aus Silikon. Bei Fleckvieh und Braunvieh sollen diese etwa 22 bis 23 mm Durchmesser haben, wenn ein Verstärkungsring dabei ist, ansonsten reichen 20 bis 21 mm. Für den Melkroboter gelten natürlich dieselben Regeln. Wer aber glaubt, dieser löse die Probleme im Melkstand, der irrt. Sie bezeichnete den Roboter als das kompliziertere Management.

 

Gesundheitszuchtwerte: Österreich ist federführend

Waren vor 2-3 Jahrzehnten nur die skandinavischen Länder, die tierärztliche Diagnosen züchterischen nutzten, so wird mittlerweile weltweit an der Nutzung von Gesundheitsdaten in der Zucht geforscht. Österreich hat es mit dem Projekt Gesundheitsmonitoring Rind geschafft, nach den skandinavischen Ländern Vorreiter zu werden und damit internationale Beachtung zu erlangen. Gesundheitszuchtwerte werden bereits seit 2010 beim Fleckvieh und seit 2013 beim Braunvieh veröffentlicht. Dr. Christian Fürst, ZuchtData, begründete in seinen Ausführungen die Bedeutung von Gesundheitszuchtwerten für die österreichische Rinderzucht. Nutzten vor 2-3 Jahrzehnten nur die skandinavischen Länder züchterisch tierärztliche Diagnosen, so wird mittlerweile weltweit an der Nutzung von Gesundheitsdaten in der Zucht geforscht. Österreich hat es mit dem Projekt Gesundheitsmonitoring Rind geschafft, nach den skandinavischen Ländern Vorreiter zu werden und damit internationale Beachtung zu erlangen. Gesundheitszuchtwerte werden bereits seit 2010 beim Fleckvieh und seit 2013 beim Braunvieh veröffentlicht. Laut einer Züchter-Umfrage im Rahmen des Projekts OptiGene steht die Fitness in den Rinderherden an oberster Stelle. Je höher die Leistung, umso besser muss das Management am Betrieb sein. Die Genetik kann dazu nur einen Teil beisteuern. Von den Betrieben gelieferte Diagnosedaten unterliegen einer strengen Selektion, sodass nur rund 70% auch tatsächlich verwertet werden können.

 

Mortellaro – Infektion durch zahlreiche Faktoren

Dr. Johann Kofler, Klinik für Wiederkäuer, beschrieb Mortellaro als eine infektiöse Klauenhaut-Erkrankung, die geschwürartige-eitrige und sehr schmerzhafte lokale Infektionen verursacht. Weltweit stellt diese Krankheit eine bedeutendsten Lahmheitsursachen in Milchviehherden dar. Durch das Zusammenwirken mehrerer anaerober Bakterienspezies und durch mechanische Vorschädigung der Klauenhaut spielen für eine Erkrankung zahlreiche Faktoren eine Rolle. So auch die Qualität und Hygiene der Stallungen. Entsprechend vielseitig gestalten sich auch die Bekämpfungsmaßnahmen. Diese können jedoch erst mit dem Erkennen der Krankheit beginnen, was im Anfangsstadium nur sehr schwer möglich ist. Hier kann sehr rasch und vorbeugend gegen eine Verschleppung auf andere Tiere entgegengewirkt werden. Vorsicht sei jedoch beim Zukauf geboten.

 

Mykoplasmeninfektion: Ein unkalkulierbares Risiko

Mykoplasmen sind sehr kleine, zwellwandlose Bakterien, von denen bisher rund 100 Arten identifiziert wurden, informierte Dr. Harald Pothmann, Abteilung Bestandsbetreuung. Bei ausgewachsenen Tieren werden sie im Zusammenhang mit Mastitiden und Aborten nachgewiesen. Infektionen können über Blut, Milch oder Schleimhäute übertragen werden. Mykoplasmen sind sehr schwer zu bekämpfen. Sie besitzen besondere Schutzmechanismen und sind gegen Antibiotika resistent. Im vorgetragenen Fallbeispiel eines Betriebes mit 19 Milchkühen erkrankte plötzlich eine Kuh an akuter Atemwegserkrankung. Es folgte eine Infektion einer therapieresistenten Mastitis von 12 Kühen. Im Endeffekt konnten nur mehr 2 Kühe Milch an die Molkerei liefern, fünf Tiere verendeten bzw. mussten geschlachtet werden. Der wirtschaftliche Schaden war enorm.

 

Prognose: 1 Jahr nach dem Ende der Quote

Seit 1978 regelt in Österreich die Milchquote die Anlieferungsmenge. Seitdem hing die Betriebsentwicklung maßgeblich auch vom Zukauf von Milchquoten ab, der viele Jahre über einem Euro pro kg Milch gelegen ist. Durch Beschlüsse in der Uruguay-Runde im Jahre 1995 wurden Exporterstattungen nach und nach bis zum totalen Wegfall gekürzt und der bis dato geschützte Heimmarkt an den EU-Binnenmarkt angepasst. Der Weltmarktpreis hielt mehr und mehr Einfluss auf den Milchmarkt, die Quote selber wurde damit immer bedeutungsloser und wird schließlich Anfang April nicht mehr bestehen. Dr. Leopold Kirner, Institut für Unternehmensführung, Forschung und Innovation, sah kurzfristig eine „harte Landung“ für die österreichischen Milchproduzenten, langfristig sollte sich laut Prognosen von OECED und FAO der Milchpreis stabilisieren bzw. nominal steigen.

 

 

 

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