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Zehn Jahre genomische Selektion in Österreich

Erfahrungen aus Wissenschaft und Praxis
Fast zehn Jahre ist es her, seit in Österreich erste genomische Zuchtwerte bei der Rasse Holstein im Jahr 2010 und bei Fleckvieh und Braunvieh im Jahr 2011 veröffentlicht wurden.

Zehn Jahre genomische Selektion in Österreich

ZAR-Obmann Stefan Lindner eröffnete die diesjährige Tagung zu „10 Jahre genomische Selektion“.  

Das war auch der Anlass für das diesjährige ZAR-Seminar, sich intensiv mit dieser Thematik zu befassen.

Univ.-Prof. Dr. Johann Sölkner, BOKU, zeigte die Entwicklung der genomischen Selektion (GS) auf, deren Erfolg nicht zuletzt auch auf den Einsatz von kostengünstigen Technologien beruhte. Mit dem flächendeckenden Einsatz der künstlichen Besamung in den 1950er Jahren wurde mit der systematischen Nutzung der Informationen vieler Töchtern einzelner Stiere das Zuchtgeschehen mehr als 60 Jahre dominiert. Ab den neunziger Jahren beschäftigten sich Forschungsarbeiten mit der Wirkung von Genen auf Leistungsmerkmale. Zu Meinungen, die Leistungsprüfung könnte demnächst ersetzt werden, folgte auch gleich die Ernüchterung. Auch heute noch ist die Kombination aus Daten aus dem Genom und aus der Leistungsprüfung ein wesentlicher Bestandteil der Zuchtwertschätzung. Im Beitrag von Dr. Gábor Mészáros, BOKU, über die GS bei regionalen Rassen, zeigte Sölkner klar auf, dass GS auch für kleine Populationen interessant und für ein Zuchtprogramm derzeit auch leistbar wäre.

Die genomische Zuchtwertschätzung (gZWS) im Detail analysierte Dr. Hermann Schwarzenbacher, ZuchtData. Mit der Einführung der Single-Step ZWS, d.h. der Zusammenführung von genomischer und konventioneller ZWS in ein Verfahren, wird voraussichtlich noch heuer für die Rasse Fleckvieh bei den Exterieurmerkmalen ein weiterer Meilenstein der genomischen Zuchtwertschätzung erreicht. Der große Vorteil dieser Methode liegt darin, dass die Informationen jedes Tieres mit Leistungsinformation in der genomischen ZWS berücksichtigt wird. Daher ist dieses Verfahren auch optimal, um Informationen aus aktuellen Herdentypisierungsprojekten wie FoKUHs oder Braunvieh Vision in die gZWS zu integrieren.

Zehn Jahre genomische Selektion in Österreich

Zum Thema Umsetzung der GS in die Praxis diskutierten am Podium v.l.: Hubert Schrems (Züchter, OÖ), Ing. Reinhard Scherzer (Züchter, Ktn.), Dr. Jørn Rind Thomasen (VikingGenetics), Dr. Stefan Rensing (VIT), Dr. Alfred Weidele (Rinderunion Baden-Württemberg e.V.), Dr. Kay-Uwe Götz (LfL Grub), Ing. Johann Tanzler (FLECKVIEH AUSTRIA), Dr. Johannes Aumann (Besamungsverein Neustadt a.d. Aisch e.V.), Prof. Dr. Johann Sölkner (BOKU).

 

Dr. Christa Egger-Danner (ZuchtData) zeigte Möglichkeiten zur Optimierung von genomischen Zuchtprogrammen auf. Nach beinahe 10 Jahren genomischer Selektion ist es wieder an der Zeit aktuelle Umsetzung und Optimierungspotentiale zu analysieren. Da 2012 von der Arbeitsgemeinschaft österreichischer Fleckviehzüchter gesteckte Ziel von 50% Besamungen der Herdebuchkühe mit genomisch geprüften Jungstieren wurde erreicht. Steigerungen des Zuchtfortschrittes sind über Verkürzungen des Generationsintervalles zB durch höhere Anteil von Besamungen mit genomischen Jungstieren oder auch durch strengere Selektion in den verschiedenen Selektionspfaden zu erreichen. Besonderes Augenmerk muss auf Strategien im Umgang mit Erbfehlern, Hornlosigkeit oder genetischen Varianten wie der Beta-Kasein-Variante A2 gelegt werden. Eine zu starke Selektion auf einzelne Merkmale geht mit einer Reduktion der Selektionsintensität und dem Verlust an Zuchtfortschritt einher. Die zu erwartenden höheren Zuchtfortschritte bieten generell das Potential, dass Gewichtungen im GZW zu Gunsten der Gesundheit verschoben werden. Für genomische Zuchtwerte für Gesundheitsmerkmale oder die Verbesserung der Klauengesundheit ist eine weibliche Lernstichprobe mit einer Vielzahl von weiblichen Tieren mit diesen Phänotypen und Genotypen notwendig.

Die Zuchtprogramme sind seit der Einführung der GS im Umbruch. Der Anteil der Genomischen Jungvererber ist aufgrund der höheren Sicherheiten bei der ZWS – wenn auch regional sehr unterschiedlich – stark gestiegen, aber im Durchschnitt noch zu niedrig, stellte Dr. Christian Fürst, ZuchtData, fest. Die gZW sind nicht nur für die Selektion der Besamungsstiere geeignet, sondern ermöglichen auch auf der weiblichen Seite eine sicherere Selektionsmöglichkeit. Ebenso ist die Vermeidung von genetischen Defekten bzw. die Berücksichtigung von genetischen Besonderheiten über die GS möglich (Anpaarungsplaner OptiBull). 

Über die zahlreichen Herausforderungen in der praktischen Umsetzung genomischer Zuchtprogramme referierte DI Peter Stückler, GENOSTAR Rinderbesamung GmbH. Die Vorteile der GS liegen jedenfalls auf der Hand. Entscheidungen können mit der Genomselektion sachlicher getroffen werden, mehr Züchter können am Zuchtgeschehen teilnehmen, auch jene, die im Schauwesen nicht so stark verankert sind. Vor allem sind die bäuerlichen Organisationen jetzt gefordert, diese modernen Techniken in der Zucht bestmöglich zu nutzen und mit Konsequenz im Zuchtprogramm einzusetzen, um einerseits den Zuchtfortschritt zu erhalten und andererseits den Anschluss an internationale Entwicklungen im Hinblick auf den Zuchtvieh- und Samenexport nicht zu verlieren.

 

Zehn Jahre genomische Selektion in Österreich

Die ReferentInnen und Teilnehmer der Podiumsdiskussion beim diesjährigen ZAR-Seminar, v.l.: DI Martin Stegfellner (ZAR), Dr. Christian Fürst (ZuchtData), Dr. Kay-Uwe Götz (LfL Grub), Dr. Jørn Rind Thomasen (VikingGenetics), Ing. Reinhard Scherzer (Züchter, Ktn.), Hubert Schrems (Züchter, OÖ), Dr. Johannes Aumann (Besamungsverein Neustadt a.d. Aisch e.V.), Dr. Alfred Weidele (Rinderunion Baden-Württemberg e.V.), Dr. Hermann Schwarzenbacher (ZuchtData), Dr. Christa Egger-Danner (ZuchtData), Univ.-Prof. Dr. Johann Sölkner (BOKU), Stefan Lindner (ZAR), Ing. Johann Tanzler (FLECKVIEH AUSTRIA), DI Peter Stückler (GENOSTAR).

 

Den Blick auf internationale Entwicklungen lieferten Dr. Stefan Rensing, VIT-Vereinigte Informationssysteme Tierhaltung, Deutschland, und Dr. Jørn Rind Thomasen, VikingGenetics, Dänemark. In den USA wurde die Herdentypisierung bereits vor ca. 5 Jahren populär, vorangetrieben vor allem durch die Firma Zoetis. In Europa folgte etwas später über die Holstein-Zuchtorganisationen, insbesondere in den Niederlanden (CRV) und in Deutschland, ähnliche Initiativen, wie z.B. das Projekt KuhVision im Jahr 2016. Das Merkmal mit dem größten wirtschaftlichen Potential sieht Rensing in der Futtereffizienz. Die Voraussetzung dafür ist die Erfassung der individuellen Futteraufnahme. VikingGenetics, eine Zuchtorganisation mit 20.000 Betrieben in Dänemark, Finnland und Schweden, bietet bereits die Messung der individuellen Futteraufnahme mittels 3D-Kameratechnologie, in Kombination mit Genotypisierung der Herden, an.

Über die Zukunft der Rinderzucht machte sich Prof. Dr. Kay-Uwe Götz, Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, Grub, Gedanken. Er sieht die bäuerliche Zucht einerseits vor großen Herausforderungen stehen, andererseits auch vor der großen Chance, erfolgreich mit der mächtigen Konkurrenz aus der Industrie mitzuhalten. Rinderzüchter werden auch gefordert sein, noch mehr Rücksicht auf Forderungen der Gesellschaft nehmen zu müssen, sei es die Reduktion der Nahrungsmittelkonkurrenz zwischen Mensch und Nutztier, die Produktionsweisen sowie die Zuchtzielsetzung und die eingesetzten Methoden. Stark vorangetrieben wird diese öffentliche Diskussion durch die rasche Verbreitung von Informationen in den sozialen Medien. Im Anschluss an das Seminar folgte eine intensive Podiumsdiskussion mit Funktionären, Verbandsgeschäftsführer und Praktiker über die Umsetzung der GS in die Praxis.

Den umfangreichen Tagungsband des ZAR-Seminars finden sie auf www.zar.at unter Downloads ->
ZAR-Seminar.

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